überlegungen von elisabeth lukas-götz historikerin
zu den blickwerken der ausstellung > f ü g e n < in der galerie im bürgerhaus, gröbenzell
im rahmen der vernissage am 7. juli 2o13
Ich werde zum Begriff „fügen“ etwas sagen, die drei neuen Arbeiten in der Ausstellung sagen und eine zusammenfassende Beschreibung dessen geben, was ich für das Typische an der Arbeit halte.
Da ich mich beruflich unter anderem mit Sprache beschäftige, möchte ich auch so ins Thema einsteigen: Die Ausstellungen von Sanne Blessing werden von ihr immer mit einem Titel belegt. Frühere Titel waren: >blickwerk<, >blickwerke im Ruffini<, >blickfreigang<, >wasser<, >flugkunst< – Titel, die stärker auf den Ausstellungsort und den -kontext bezogen waren.
Die aktuelle Ausstellung heißt > f ü g e n <
Was bedeutet „fügen“ ?
fügen: etwas zusammenfügen, verfugen, etwas zusammenbringen
– eine Sichtweise, die bei einer Architektin vermutlich nicht ungewöhnlich ist
sich fügen: im Sinne von es fügt sich, es begibt sich glücklicherweise, es geschieht
sich fügen: im Sinn von sich fügen müssen, gehorchen, gezwungenermaßen einordnen
sich einfügen: wie sich einordnen in eine Reihe
Es gibt die Substantive
Fügung: einmal das konkrete Zusammenfügen von zwei Dingen und zum anderen Fügung als Schicksal, Fatum, Geschick
oder
die Fuge: einmal Ritze, Spalt
und zum anderen das Musikstück Fuge (dessen erstes Thema durch alle Stimmen führt): hier geht es um Polyphonie, um Vielstimmigkeit. Verschiedene Stimmen werden gegeneinander geführt, sie umkreisen sich. Das Thema der Fuge bekommt eine immer andere Bedeutung. Die Fuge ist artifiziell, sie kommt in der Hochmusik vor, ist eine bewusste Komposition.
Warum ich die musikalische Fuge so ausführlich beschreibe, werden Sie verstehen, wenn wir uns dem eigentlichen Thema des heutigen Abends zuwenden, den Arbeiten von Sanne Blessing:
Zwei grundsätzliche Beobachtungen kann man gleich machen: Wir sehen hier keine Bilder von Menschen. Es gibt keine Einzelbilder. Alle präsentierten Arbeiten sind komponiert, „zusammengefügt“.
Denn es geht nicht um das einzelne Bild. Es geht um die Mehrzahl, die Vielzahl des Beobachteten – vielleicht eine Hilfestellung für den Betrachter, die Assoziationen und die vielen Möglichkeiten des Motivs (etwa Bahngleise, Bootsstege, Eisflächen, Himmelsstimmungen ...) nicht selbst entwickeln zu müssen, sondern von der Fotografin (und Künstlerin) vorgelegt zu bekommen.
Und es geht in einer weiteren Stufe um eine Kombination, eine Collage, eine Verstärkung dessen, was das Einzelne zeigt. Erst in der Kombination entsteht das Ganze, das Bild, das Sanne uns, den Betrachtern, zu zeigen wünscht.
Es ist ungewöhnlich für einen Fotografen, eine Fotografin, dass nicht das einzelne Foto spricht, sondern die Zusammenfügung einzelner Elemente zu einem Bild. Das ist eine künstlerische Haltung, eine Haltung, die es aber dem Betrachter nicht unbedingt leichter macht, die Dinge zu entschlüsseln – das steht jetzt dem entgegen, was ich gerade gesagt habe, dass über die Vielzahl der Beobachtungen eine Hilfestellung entstehen könnte.
Dies, die sperrigere Wahrnehmung, gilt, glaube ich, gerade für die neueren Arbeiten, die hier ausgestellt werden.
Mit den neuen Arbeiten haben sich die Titel geändert. Während die früheren Arbeiten oft klare Benennungen hatten, etwa nach Farben: > 9 x w e i s s < , > 9 x g r ü n < … oder nach Naturphänomenen: > e i s b ä n d e r < , > f e l s < , > b l ü t e - n < , > r e g e n < … oder – schon differenzierter – nach der Technik: > p e n d a n t - s < , > s p i e l < …, bekommen die neuen Arbeiten komplexere, andere (Lebens-)Bereiche betreffende Titel. Sie heißen:
> h a u c h < , > b l e i b e < und > f r e i h e i t < .
Über die drei neuen Arbeiten möchte ich kurz reden:
> h a u c h < ist eine neunteilige Arbeit, die Einzelbilder sind jeweils gefasst in einem Rahmen wie in einer Schachtel und montiert auf einem Bildträger, der wiederum von einer Schachtel umfasst ist. Die einzelnen Bilder kombinieren Schweres und Leichtes – Stein und Eisen und Blatt und Stoff, zeigen Risse im Harten, zeigen in der Blüte, dem Blatt die Vergänglichkeit. Sie scheinen wie überpudert zu sein. Es geht um Grafik, es geht um Farbe.
Die zweite Arbeit, > b l e i b e <, ist eine Kombination von zwei Elementen: eine vierteilige Arbeit in einem Holzkasten (Fensterrahmen), die Fotos von Vorgärten, Fenstern, Gartenzwergen zeigt und daneben im gleichen Format eine einteilige Tafel, die eine abgewohnte Tapete zeigt. Oben im Bild sind noch die gläsernen Tropfen eines Kronleuchters zu sehen, unten leuchtet ein Lichtfleck auf.
Hier lässt sich die Frage nach der Ironie in den Arbeiten stellen. Gibt es Ironie bei Sannes Bildern? Oder sind sie doch sehr ernst?
Diese Arbeit hat, schon im Titel > b l e i b e <, deutlich ironische Züge: so z.B. rechts oben der Gartenzwerg, der so freundlich aus dem Fenster schaut, überhaupt die Vorgartenidyllen und -inszenierungen. Es erinnert auch an „Schneewittchen und die sieben Zwerge“: Die Vorgärten spiegeln die (kleine) Zwergenwelt wieder, der kleine Zwerg lädt ein zum Eintreten, der Blick auf die Wand des einteiligen Bildes gibt das Innere des Zwergenhauses wieder – der etwas verkommene Glanz einer schönen Welt deutet auch auf die Heimat Schneewittchens hin. In der Mischung aus Prunk und Abgelebtheit im rechten Bild liegt jedoch auch etwas rätselhaft Tragisches, das vielleicht durch den Lichtfleck am unteren Bildrand wieder aufgehoben wird. Insgesamt wirkt diese Arbeit, nach dem ersten Blick der Leichtigkeit und fröhlich-ironischen Haltung, irritierend, vielleicht verstörend und rätselhaft.
Am stärksten verrätselt tritt die dritte Arbeit entgegen: > f r e i h e i t < , eine Installation, die aus vier Einzelarbeiten besteht, je zwölf Fotos montiert in gleiche Metallrahmen, die jeweils um 90 Grad gedreht sind. Die Einzelarbeiten haben unterschiedliche Themen und Titel – v e r f ü h r t (Spiegelungen), - a b g e f ü h r t (Stacheldraht), - g e f ü h r t (Gleise), - e n t f ü h r t (Bootsstege) – und kreisen doch um ähnliche Fragestellungen.
Es geht um Aspekte des Lebens, die jeder vermutlich schon in irgendeiner Weise und in unterschiedlicher Intensität erlebt hat und die hier symbolisch anhand von Gleisen, Bootsstegen, Stacheldraht und Spiegelungen gezeigt werden. Jeweils ein „Augenpaar“ ist in den Arbeiten einmontiert und beobachtet oder vertritt den Betrachter oder/und den Betrachteten.
Wenn man versucht, zusammenfassend zu beschreiben, was die Arbeit von Sanne ausmacht, sieht man 2 Stränge in ihrer Tätigkeit:
Der eine ist das Fotografieren, das sie seit sie 16 ist, macht (übrigens immer noch analog), ein Tun, das vermutlich automatisch, fast unbewusst passiert, mit der Kamera als 3. Auge,
Das andere ist das Kombinieren, das Komponieren, das Zusammenfügen – und da gibt es eine Wandlung (die man auch hier in der Ausstellung nachvollziehen kann). Die Ergebnisse werden komplexer. Ihre Arbeit wird zunehmend eine bildhauerische. Aus der Kombination von gleichwertigen Bildern (wie in der > s t ö r u n g < ) wird eine Spiel von Groß und Klein (wie in den > p e n d a n t ´ s < ), plastische Elemente treten hinzu (wie in > b l ü t e n < ), bis hin zu den Objektkästen (in > h a u c h < , > b l e i b e < und > f r e i h e i t < ), die ein haptisch-plastische Element einbringen.
Sanne verfremdet nicht die Einzelbilder, sie bleiben unangetastet, werden nicht überarbeitet – außer in der Ausschnittwahl. Eine Verfremdung tritt ein über die Komposition, neue Welten entstehen, zunehmend in den neuen Arbeiten. Auch das Generalthema wird komplexer: Aus dem Zusammensetzen, dem Bauen wird immer stärker eine Suche nach dem Existentiellen (wie die Titel zeigen), eine Annäherung an ein inneres Bild.
Sanne sucht Klarheit in der Vielheit. Über viele Stimmen entsteht ein Einheitliches – damit wären wir wieder am Anfang, bei der musikalischen Fuge.
Mit einem Zitat von Stefan Moses, dem großen Porträtfotografen, möchte ich schließen. Er spricht davon, dass eine Fotografie nicht nur einen Augenblick festhält, sondern einen Zustand.
Dies gilt auch für die Arbeiten von Sanne Blessing, obwohl sie keine Porträtfotografin ist: Die Wellen, die an Land gespült werden, die Blätter, die auf den Boden geweht werden, das gefrorene Eis, der Schnee, der verweht wird, die Wolkenformationen am Himmel, all dies fotografiert Sanne Blessing. Eigentlich sind es momentane Augenblicke, doch werden die entstehenden Fotografien durch den spezifischen Blick der Fotografin zu allgemeingültigen Zuständen. In der Kombination der Einzelbilder, den Collagen und Installationen, werden diese an sich schon ausdrucksstarken Elemente zu besonderen, tiefen, manchmal rätselhaften Bildern.
Dies zu finden, sich durch die Bilder führen zu lassen, die Welt von Sanne Blessing zu entdecken und sie vielleicht mit der eigenen zusammen-zu-fügen, wünsche ich allen Betrachtern dieser Ausstellung, angefangen mit den heutigen Besuchern.
auszug aus veröffentlichung in süddeutsche zeitung von ankelika steer 17.o6.2o13
Schönheit im Detail - Die Fotografin Sanne Blessing zieht mit der ausstellung die Besucher in ihren Bann
Die Künstlerin und Architektin Sanne Blessing ist seit 30 Jahren mit ihrer Kamera unterwegs und fotografiert ihren unmittelbaren Lebensraum. Sie verwendet dabei keine digitalen Verfremdungstechniken, arbeitet rein analog und lichtet ihre Umgebung so ab, wie sie sie vorfindet. Dergestalt ist Sanne Blessing eine würdige Vertreterin der reinen Fotografie, der Schule des Sehens. Und angesichts ihrer beeindruckenden Arbeiten darf man sich auch getrost fragen, wozu der ganze technische Aufwand der modernen Medien überhaupt notwendig ist.
Die Natur spielt in ihrem Darstellungskatalog eine tragende Rolle. Für ihre Arbeit `störung´ formte sie aus 64 unterschiedlichen Aufnahmen des Elements Wasser eine Art Bildteppich. Die laminierten Abzüge, mit Hilfe von Kabelbindern miteinander verbunden, hängen als Raumteiler im Ausstellungsraum der Gröbenzeller Bürgerhauses und sind von zwei Seiten zu betrachten. Zwischen Wasserspiegelungen, ruhigen oder bewegten Wasseroberflächen in Großaufnahme oder Totalansicht, trüben oder klaren Wasserläufen in verschiedenen Tagesstimmungen, stößt der Betrachter aber auch auf ein Lichtbild, das eine Ansammlung von grauen Stühlen zeigt. Ursprünglich hatte die Künstlerin ihr Exponat für eine Informationsveranstaltung zur umstrittenen Flughafenerweiterung von Oberpfaffenhofen kreiert. Beim Anblick der Stühle kamen ihr die grauen Herren aus Michael Endes berühmten Roman `Momo´ n den Sinn. Doch wie in all ihren Fotografien bleibt der Mensch auch hier unsichtbar.
Derartige Brüche im Motiv findet man oft in den Werken von Sanne Blessing. `freiheit.geführt´ zeigt mehrere Detailaufnahmen von Bahngleisen. Diese führen nirgendwohin, verlaufen geradeaus oder bilden ein scheinbar chaotisches Durcheinander aus Weichen. Doch immer bieten sie auch die Option, sich vom augenblicklichen Standort zu entfernen. Wäre da nicht das rote Signallicht, das eine Weiterfahrt unterbindet. Einzelaufnahmen wird man bei Sanne Blessing nicht finden, sie arrangiert ihre Abzüge zu aussagekräftigen Serien oder zu Paaren wie beispielsweise ihre eindrucksvollen ´pendant-s´. Die Fotografin stellt Nahaufnahmen von Gebrauchsgegenständen oder anderen menschlichen Errungenschaften idyllischen Landschaftsbildern gegenüber. Übereinstimmungen in den Motiven ergeben sich jeweils durch Farben oder formale Elemente. Die Linienführung eines grünen Wellendaches, findet sich in einem gerodetem Feld wieder, der türkisblaue Lackanstrich eines Fischerbootes im abendlichen Wolkenspiel über einem Bootssteg. Wunderbar sind auch die Übergänge zwischen einzelnen Bildern, die miteinander zu kommunizieren scheinen. So setzt sich in der dreiteiligen Serie ´eisbänder´ ein schmaler Wasserlauf, der sich durch den Schnee windet, im Schattenwurf eines Baumes fort, der die Krümmung des Rinnsals aufnimmt.
immer wieder frappierend sind vor allem Sanne Blessings Nahaufnahmen, die gegenständliche Motive in reinste Abstraktionen verwandeln. Detailaufnahmen von weißen oder grünen Plastikfolien, die heutzutage Getreide- und Heuballen ummanteln und überall in der Landschaft zu finden sind, bilden ihre beiden Arbeiten ´9xweiss´ und ´9xgrün ´. Der Fotografin gelingt es dabei, dem profanen material Schönheit zu verleihen. Die Kunststoffbahnen sind nicht glatt, sondern bilden Falten und ornamentale Muster. Die Aufnahmen sind von außergewöhnlicher Plastizität, ihre Zweidimensionalität wird beinah außer Kraft gesetzt.