einführung zur ausstellung > s u m m e < von peter götz im mai 2o15
Fotos mit Alphatieren - Sanne Blessings Ausstellung > s u m m e < oder das Prinzip der Montage – als Möglichkeit, Wirklichkeit neu zu erschaffen und Realität neu zu deuten.
Betrachtet man die Arbeit von Sanne Blessing summarisch, so lassen sich drei Ebenen des Handelns erkennen: der Blick, das Erkennen von Wirklichkeit und ihres transformierbaren Potentials im Motiv, sei es im Akt des fotografischen Aufnehmens oder bei der Auswahl aus dem eigenen Bildarchiv, die Montage, die neue Deutung von Realität durch Kombination, dem meist die Bearbeitung des Einzelbilds durch Beschnitt vorausgeht und die Arbeit am Objektcharakter durch Einbringung nichtfotografischen Materials mit eigener Haptik und Plastizität. Fotografische, bildgestalterische und bildhauerisch-plastische Handlungsweisen greifen ineinander und verzahnen sich.
Nachdem die Vielgliedrigkeit in Blessings Tableaus eine immer bestimmendere Wirkung entfaltet und in der in der Ausstellung in Raisting neu vorgestellten 10-teiligen Werkgruppe der > s u m m e - n < unübersehbar das zentrale Ordnungsmerkmal bildet, lag es nahe, sich im Rahmen einer Einführung diesem Gestaltungsprinzip zuzuwenden und den Mechanismus des Zusammenspiels der Teile und das Entstehen eines neuen Ganzen exemplarisch an einem konkreten Beispiel dieser Gruppe zu betrachten.
Die neue Werkgruppe der > s u m m e - n <
Zu ihrer Entstehungsgeschichte erläutert Blessing: Sie habe die Absicht gehabt, Bilder in kleinen bergenden (Archiv)kartons zu zeigen, diese Behältnisse später aber der Einfachheit halber aus Papier gefaltet. Ein Prototyp sei entstanden mit erinnerungsweise 7 mal 10 Bildern. Gestört habe sie an dieser Anordnung, dass er eine spürbare Mitte ausgebildet habe, worauf sie beschlossen habe, das Fotomaterial zum Quadrat zu beschneiden und sich auf ein Feld von 6 mal 6 Bildern zu beschränken. Mit Blick auf die weiße Farbe der Papierrahmen habe sie sich bei der Auswahl nicht für die Option starkfarbiger, sondern für schwachfarbige, tendenziell farblose Bilder entschieden und aus ihrem Archiv 400 entsprechende Motive ausgesucht und davon Abzüge machen lassen. Der Umgang mit der unübersichtlich anmutenden Menge der Bilder sei eher einfach gewesen, es hätten sich rasch Kerne von zwei, manchmal drei Fotos gebildet. Unter den Fotos hätten sich eben Alphatiere gezeigt.
Im Gespräch, das wir am 9. Januar 2015, dem Eröffnungsabend, vor dem Objekt > s u m m e 0 5 < führen, bemerkt ein Besucher: Wenn ich die >summe< wie ein Buch von links nach rechts lese, bleibt das Auge immer wieder an bestimmten Bildern hängen. Wir gehen der Frage nach möglichen Alphatieren auf den Grund, und versuchen Bilder mit einer besonderen ästhetischen Ausstrahlung oder einer Schlüsselstellung aufzuspüren. Und erkennen schnell, dass es nicht nur prominente Einzelbilder gibt, sondern dass unter den im Objekt versammelten Bildern vielfältige Verknüpfungen bzw. Bindewirkungen angelegt sind.
Diese basieren auf verschiedenen Mechanismen. Auf der Ebene der Form gehören dazu Ähnlichkeiten in der graphisch-visuellen Struktur (linearer Art: 2. Reihe, 4. Bild von links und der Stern in der 3. Reihe, oder kreisförmiger Art: 2. Reihe, 2. und 3. Bild und die Schnecken in der unterste Reihe), in der Farbe, im Kontrastverhalten (unterste Reihe links und rechts), auf Bindung durch Kontrast z.B. im Figur-Grundverhältnis (3.Reihe, 3. Bild und 2.Reihe, 2. Bild) oder auf der Bindung durch Lagebeziehung (Nachbarschaft, Symmetrie, Reihung in der Diagonale). Auf inhaltlicher Seite finden wir Bindung durch gleiche Gegenständlichkeit bei unterschiedlicher Maßstäblichkeit (1. Reihe, 2. und 6. Bild) oder thematische Verwandtschaft im Motiv (Blüten mit Stempeln, Nischen, Skulpturen, repetitive Muster). Zum Teil bedienen einzelne Bilder mehrere Dimensionen gleichzeitig.
Wir erörtern die Frage, wie es gelingen kann, dass sich Fotos aus unterschiedlichen Gegenstands- und Wirklichkeitsbereichen problemlos miteinander ins Gespräch bringen lassen, Bilder aus Bereichen der Technik, der Architektur und der Natur, die in der Realität so vermutlich nie miteinander in Berührung kommen. Ein Teilnehmer erklärt: Am wichtigsten erscheint mir, dass alle Bilder in der Farbgebung relativ ähnlich und die gezeigten Bildausschnitte relativ klein sind. Da in der Präsentation bereits so viel [reale] Tiefe existiert, ist es eher unwichtig, ob ein Bild stärker Räumlichkeit hat oder nur Struktur darstellt: Dass jedes Bild reduziert wird auf eine Farbgebung und auf eine Struktur, ist das, was das Ganze m.E. am meisten verbindet. Sicher bewirkt auch ein klug begrenzter Bild- bzw. Objektausschnitt, durch den Räumlichkeit und Körperlichkeit zurückgedrängt und aufschlussreicher Kontext verunklärt wird, dass der abbildliche Realitätscharakter aufgeweicht und zugunsten einer stärkeren Verdinglichung des Bilds im konkreten Sinn gestärkt wird. Für den Wahrnehmungsprozess bedeutet das, dass inhaltliche Ordnungs- und Orientierungsversuche zugunsten visuell gesteuerter Aktivitäten zurückgestellt werden. Inhaltsbetonte, bedeutungsbezogene Sehweise tritt zurück zugunsten einer Aktivität des Formsehens, in dem Ähnlichkeiten auf visueller Ebene den Gang des Blicks bestimmen. Dass diese Zurücknahme von Eindeutigkeit Rückwirkung auf das Bewusstsein des Wahrnehmenden hat und ihn – denkt man an die komplexe Gleichzeitigkeit des 36fach Verschiedenen – in einen Schwebestand des Bewusstseins versetzt, scheint selbstverständlich. Die mögliche Folge: ein verändertes Zeitbewusstsein und ein verändertes Gefühl für Gegenwart und Gegenwärtigkeit.
Die Frage nach dem Zusammenhalt kehrt wieder und damit nach dem übergeordneten Gestaltungsprinzip, das die erzeugten Spannungen auszuhalten vermag. Die tatsächliche Getrenntheit der einzelnen Bildobjekte und die Art ihrer räumlichen Präsentation macht ein Teilnehmer für den starken Zusammenhalt des Objekts verantwortlich. Ich glaube, dass es überhaupt nicht funktioniert, wenn nicht Grenzen zwischen den einzelnen Bildern wären; und dass es extrem wichtig ist, dass Tiefe durch die Präsentation entsteht und nicht durch das einzelne Foto; und dass dadurch das Ganze harmoniert. Anzumerken bleibt, dass die in der Rahmung eingeführte konkrete Materialität den abbildenden Charakter der Bilder tendenziell zurücktreten lässt und ihren eigenständigen, dinglichen Objektcharakter weiter stärkt.
Viele Aspekte dieser Arbeit haben wir nur gestreift, manche gar nicht angesprochen, wie z.B. die Frage, welche Auffassung von Realität sich einstellt. Aber das kann letztlich nur Ansporn sein, dem Geheimnis der Wirkung dieser Arbeiten weiter und tiefer auf die Spur zu kommen.
auszug aus veröffentlichung im ammerseekurier von nue ammann o6.o2.2o15
Artikulationen im Raistinger Kulturhaus - Vier Künstler im Kulturhaus: Christian Egner, Sanne Blessing, Helmut Hager, Otto Scherer
Im Kulturhaus der Otto-Hellmeier-Stiftung sind aktuell zwei Sonderausstellungen zu sehen, zum einen objekthaft montierte Fotografien, sogenannte >blickwerke< von Sanne Blessing, zum anderen Plastiken und Installationen von Christian Egner, Helmut Hager und Otto Scherer.
Obwohl sehr unterschiedlich in Aussage und Anmutung, ist die Kombination der beiden Ausstellungen eine harmonische Koexistenz. Während die Arbeiten von Christian Egner, Helmut Hager und Otto Scherer raumgreifend sind und schon durch ihre Farbigkeit (Schwarz, Weiß und Rot) effektvoll den Raum beherrschen, füllen die hauptsächlich kleinteiligen Fotografie-Objekte die Atmosphäre.
...Sanne Blessing sammelt mit ihrer Kamera Eindrücke von Landschaften, Wasserflächen, Pflanzen, Gestein aber auch von Kulturgütern wie Gebäude, funktionellen Bauwerken oder Gebrauchsmaterialien. Zumeist wählt sie nahe Einstellungen und kleine Bildausschnitte, die das Motiv im Sinne seiner Charakteristik verdichten.
Mit feinem Gespür für Farbigkeit und Bildsprache arrangiert sie daraus mehrteilige Kompositionen, die zu einer spielerischen und assoziativen Betrachtung einladen. Durch die Zusammenstellungen der Fotos entstehen Mehrfachaussagen, die den Inhalt der Einzelbilder verstärken, oder aber als Weiterführung zu einem komplexeren Bildthema dienen.
So wird eine Sammlung von Einzelaufnahmen von Bauschrott zu einer Art Hommage an den Erfindungsreichtum des Menschen, oder aus Materialstudien über grüne Wickelfolie von Ballensilage ein mahnender Abgesang an organische Wachstumsstrukturen.
Während ihr fotografisches Werk an sich sowie die Kompositionsleistung durchweg überzeugen, bleibt die Fassung der Bilder zu montierten Objekten in den meisten Fällen dahinter zurück.
Bemerkenswert gelungen sind jedoch die beiden > b l ü t e - n < - Werke, die jeweils eine Blüte, aufgesplittert in 81 perspektivisch leicht verschobene Bildquadrate auf unterschiedlicher Höhe präsentieren, so dass trotz der streng geometrischen Anordnung der Eindruck von Bewegung und Leichtigkeit entsteht.
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auszug aus veröffentlichung im weilheimer tagblatt von andreas bretting 12.o1.2o15
Im Gewimmel liegt die Ruhe - Sanne Blessings Fotokunst im Hellmeier-Museum
Bei 36 Miniatur-Fotos in einem einzigen Objekt müsste Geflirr vor den Augen entstehen. Doch Sanne Blessings Arrangements aus Analog-Fotos strahlen Ruhe aus und Konzentration. Vier mal vier Zentimeter messen die Kleinstabzüge, die in Raistings Otto-Hellmeier-Kulturhaus zu sehen sind und fast durchwegs Motive von innerer Ruhe und fokussierter Aufmerksamkeit zeigen. Zusätzlich geben Tönungen in Creme eine poesiehafte Zartheit, die einlädt zum Nähertreten.
Dabei entdeckt man den inneren Kompass der Oberpfaffenhofenerin. Eine der > s u m m e n < hat gebogene Formen als Thema, realisiert in sanften Wellen. Eine andere > s u m m e < - so der Ausstellungstitel - zeigt Linien. Überraschend wird eine Hochspannungsleitung durch sanfte Belichtung fast zerbrechlich, während Fußabdrücke im Meeressand mit hartem Kontrast gefasst sind.
Vor solch harten, ja technoiden Aussagen scheut Blessing keineswegs zurück - vielleicht blitzt da ihr Beruf als Architektin durch. Im Werk > b l ü t e < arrangiert sie ein einziges Foto der selben Blume in 81 Mini-Quadraten. Jedes verschiebt den Bildausschnitt um einen Millimeter und steht auf einem Stahlstift von unterschiedlicher Höhe: ein Spannungsfeld von technischer Anmutung und dem Eindruck, als sei die Blüte vom Wind bewegt.
Zwischen Freiheit und Einengung schwankt die Aussage des monumentalen, fast drei Meter hohem Werks > t ü r e n < , das die Kassetten-Gefache einer massiven Holztüre als Bilderrahmen nutzt. Verkantet aufgestapelt zeigen die Abzüge Reise-Impressionen fern der Postkartenmotive, etwa eine Straßenkurve oder ein verfallendes Haus. Hier können beim Betrachten Geschichten im Kopf beginnen.