auszüge der einführung und überlegungen zu ausgewählten blickwerken im rahmen der vernissage am 11. januar 2o24
zur ausstellung > p a s s i e r e n < im haus der bayerischen landwirtschaft herrsching
So vielschichtig wie Sanne Blessings Blickwerke ist auch ihr persönlicher und künstlerischer Werdegang:
Sie besuchte die FOS Technik. Das hätte ich nicht gedacht. Aber wie stimmig das ist: Sehen Sie die verschiedenen Arten der Hängung, der Rahmen … Und sowohl in den einzelnen Werken finden Sie dieses Thema, als auch in der Art der Zuordnung der einzelnen Fotografien eines Blickwerkes zueinander.
Und dann wurde sie Floristin: Ihr spezieller Blick für Blumen und Pflanzen, auf die Natur begleitet einen bei jedem Spaziergang mit Sanne. Er findet sich in der ungemein kreativen Gestaltung ihres persönlichen Lebensbereiches. Und auch hier begegnet Ihnen diese Welt überall.
Floristin war aber noch nicht „genug“: Sie studierte Architektur, und arbeitet auch als Architektin, baut und gestaltet Räume. Mein Bruder, der auch Architektur studiert hat, sah einen ihrer kleinen „gebauten“ Kalender, und sagte spontan:“ Man sieht sofort, dass sie Architektin ist.“
Mit 16 Jahren bekam Sanne Blessing ihre erste Kamera geschenkt. Und seitdem fotografiert sie. Immer! Und seit über 15 Jahren ist die Grundlage ihrer Ausstellungen die Fotografie!
Lange Jahre arbeitete sie mit ihrer analogen Kamera, seit einigen Jahren digital. Kein Spaziergang mit Sanne ohne ihre Kamera. Vor knapp 9 Jahren waren Sanne und ich im Urlaub am Gardasee. Die Wohnung lag etwas außerhalb, und für den ersten Spaziergang in den Ort, der normalerweise etwa eine halbe Stunde dauert, brauchten wir 2,5 Stunden. Weil Sanne Blessing fotografiert hat.
Es passierten ihr eben fortlaufend interessante Objekte. Und es entstanden natürlich völlig andere Fotos, als ich sie dort „geknipst“ habe. Unglaublich, was sie wahrnimmt, und wie sie es wahrnimmt, was für Details sie hervorbringt. Die Farbe einer Fassade in Gargnano, erbs-grün! Nicht meine Farbe. Aber Sanne´s Fotografie dieser Fassade: Was für ein erbs-gelb-grün. Sie arbeitet auch mit einem ganz eigenen, sehr speziellen Farbspektrum.
Wir möchten Sie heute, jetzt einladen, mit uns zu gehen, zu passieren. Stefan Schumacher, Elisabeth Lukas-Götz und Peter Götz werden Ihnen ihre persönliche Sicht auf je ein ausgewähltes Werk vorstellen. Und vielleicht hat auch von Ihnen jemand Lust, ein Blickwerk anzusprechen?
Im Anschluss: passieren Sie, fragen Sie, kommen Sie miteinander ins Gespräch….
Wiebke Grentzenberg, Sonderschullehrerin

Es ist für mich ein spannendes Betätigungsfeld, mich hier auf diese Arbeiten - die ich noch nicht so lange kenne - einzulassen.
Sanne Blessing ist ein Fan von spielerischem poetischem Umgang mit Bildpräsentation. Das muss man herausheben. Man findet in der Ausstellung fast kein klassisch einzeln gehängtes Werk. Sie liebt die Konstellation, die Setzung.
Zur Arbeit > 1 0 x w e i s s < : auch hier sind Dinge von der Bildautorin gesetzt - sind konzertiert. Sie schmeichelt den Betrachter etwas ein, in dem sie einen Farbplan generiert. Der vermeintlich eine Klammer bildet - vielleicht auch um den Zugang zu erleichtern. Und doch bleibt es für mich zunächst etwas sperrig - etwas schwer dechiffrierbar. Das genau ist eine Qualität der Arbeit und finde ich spannend.
In der Art, wie sie formal mit der Setzung umgeht - wie sie mit Leisten die Arbeiten von einander trennt, empfinde ich eine Ambivalenz zwischen Trennung und Vereinigung dieser entstandenen Zwangspartnerschaften. Man könnte denken, sie setzt nochmal eine Rahmung - umschließt diese Bildwelt. Doch es bleibt offen - das finde ich sehr schön. So ist es ein größerer Appell auch an den Betrachter, weiter zu phantasieren.
Sowohl vom Konstruktiven - wie die Arbeit aufgebaut ist, aber auch vom Inhaltlichem sind Verweise auf die Biografie nicht zu verleugnen.
Es ist ein Zusammentreffen von Kultur- und Naturlandschaften, von Dingen, die man vielleicht relativ schnell versteht und erkennt und auch von anderen Bildern, die einen auch verrätselt und hilflos erstmal dastehen lassen, die aber auch wiederum formal tolle Bezüge zueinander aufbauen.
Genau das ist etwas, was mich anzieht: man kann zunächst verunsichert sein - weil es keine klassisch schönen Bildmotive sind - und trotzdem hat es für mich einen ganz tollen Flow - wie es sequenziert ist. Ein Bild ist hermetisch in der Mitte gerahmt. Alles andere öffnet sich. Wenn man sich auf die Arbeit einlässt - sich etwas anstrengt, in dem Moment öffnen sich Türen und man kann sich vertiefen und sich weiter mit Details der Arbeit auseinander setzen. Auch ist es schön, wie sie ein formales Händchen hat, mit feinen Linien umzugehen.
Alles ist im Prinzip flächig angelegt, aber durch Licht und Schatten unterstützt durch die Räumlichkeit der Leisten, wird es auch mit einem räumlichen Leben erfüllt.
Ich bin begeistert.

Gedanken zur Arbeit > l e e r < :
Wir sehen fünf Fotos,
gedruckt auf/hinter Glas, Acrylglas; dadurch entsteht ein Glanz auf den Arbeiten
im Format von ca. DIN A4
die sich einstellende Farbe ist: blau
dargestellt ist jeweils eine Beton?-Fläche, eine unräumliche Situation
Linien –Begrenzungslinien, so wie Bahnen, – sind zu sehen,
Fugen sind zu sehen,
auch Flicken/Flickwerk,
die Farbe auf der Fläche changiert je nachdem, ob die Fläche trocken ist oder ob eine Flüssigkeit, Wasser, auf ihr steht,
farbige Ränder sind zu erkennen, da wo das Wasser getrocknet ist
verschiedene Formen entstehen durch die verschiedenen Feuchtigkeitsfarben, hier meine ich einen Zwiebelturm zu sehen.
Die Bilder sind nebeneinander, unverbunden angeordnet, zusammengehalten durch den Träger, ein Gitter.
Das Gitter als Bildträger taucht in dieser Ausstellung noch einmal auf.
Die Nebeneinanderanordnung ist für Sanne Blessings Arbeiten, würde ich sagen, eine Ausnahme. Sie ordnet oft, wie wir das auch gerade gesehen haben, unterschiedliche Fotos zusammen, auf einem zu diesem Zweck eigens hergestellten Bildträger.
Bei der hier vorgestellten Arbeit ist, glaube ich, Sannes ursprüngliche Motivation deutlich zu erkennen, ein Leitmotiv, seit sie mit dem Fotoapparat / der Kamera als Begleiterin / unterwegs ist: die Welt dokumentieren, Details erfassen, eine Chronistin des Augenblicks sein.
Allerdings nicht systematisch, zumindest nicht in dem, was sie dann präsentiert – das schließt für den Betrachter nicht auf, wie es ein Dokumentar machen würde.
Man könnte sogar sagen, sie verrätselt dann – eigentlich das Gegenteil von „Dokumentation“.
dokumentieren und gleichzeitig verrätseln
Der Augenblick ist für Sanne der Blick mit den Augen, ihr spezieller Blick mit ihren Augen (das entdeckt man immer wieder in ihren Arbeiten). hierher gehört auch der Begriff >blickwerk<
Bei der Arbeit > l e e r < sehe ich den Aspekt des Dokumentierens, in dem spezifischen, gerade genannten Sinn, besonders deutlich: Es handelt sich offensichtlich um einen, kleinen Auszug aus einer größeren Reihe von Dokumenten, zusammengestellt nach Kriterien, welchen?
Es könnten vermutlich auch andere Arbeiten aus dieser Serie sein, die ausgestellt werden.
Und weil es sich hier um einen Auszug aus einer längeren Reihe, eine Art Reihenuntersuchung, handelt, spielt „der Präsentations-Rahmen“ nicht die entscheidende Rolle. Sanne Blessing nimmt Vorgefundenes, Vorgefertigtes, um nicht direkt auf der Wand zu sitzen, und platziert darauf die Fotos, denen allerdings eine besondere Qualität der Präsentation zuteil wird. Sie sind hinter Glas gedruckt, glänzen.
Zum Begriff des Auflösens, Aufdeckens ….:
Obwohl Sanne Blessing die Fotografie als Mittel der Auseinandersetzung wählt, eine Form, bei der man denken könnte, sie sei "objektiv", weil sie – im Gegensatz zur Malerei, wo der Künstler in einer längeren Auseinandersetzung, im Hin und Her mit dem Bild agiert – spontan, im Moment, Augenblick entsteht, entschlüsselt sie nicht,
sie lässt den Betrachter im Ungewissen: Ich sehe, aber ich kann es nicht entschlüsseln.
Das Gegenteil wäre: Ich zeige und entschlüssle.
Durch das Nicht-Aufdecken wird die Aufmerksamkeit aufrecht erhalten.
Der Betrachter kann eben nicht zufrieden weitergehen, weil er das Geheimnis gelüftet hat.
So auch hier: Soll aufgelöst werden, was dargestellt ist? Vielleicht haben Sie ein Ahnung, wenn Sie genauer hinsehen: blau, Bahnen, Wasser, leer, ….
Elisabeth Lukas-Götz, Historikerin und Lektorin

zur einzelarbeit > s u m m e o 5 < aus der reihe > summe - n <:
Versuchsreihe, die bei einheitlich gleicher Regel in einer Anzahl von Varianten ausgeführt und gehängt ist.
Zum gefundenen Format gehört, dass jeder der Bausteine in einem eigenen geschützten Raum untergebracht ist, der durch gefaltetes Papier entsteht.
Mich erinnert diese Präsentation an pralines oder auch an Früchte, z.B. Jaffaorangen, die man früher so eingepackt angeboten hat.
Diese raumhaltigen Papierträger schließen sich mit ihrem Inhalt zu einer größeren Gruppe zusammen und sind rückseitig von einer Holzplatte getragen.
Die Faltung gibt dem Tableaux durch die vorgeführte Handwerklichkeit etwas verletzlich Fragiles, überlagert die Strenge der rasterartigen Anordnung mit ihrer Systematik und steht in strengem Kontrast zu den klar und streng geschnittenen Fotoausschnitten.
Wichtig erscheint mir festzuhalten, dass es sich nicht um eine Unterteilung durch glatte Teilungselemente in Fächer handelt, sondern um sich zueinander gesellende Einzelelemente.
Warum ich mich gerade für diese Arbeit entschieden habe?
Ich mag ihre Farbatmosphäre mit ihrem sonnig-warmen, teilweise fast goldfarbenen Ton und die ästhetische Akzentuiertheit ihrer Akteure.
Bei dieser für mich gelungenen und überzeugenden Arbeit ist es vergleichsweise leicht, die Spielregeln zu erkennen und zu benennen.
Nicht mehr Fotografieren, sondern Montage ist das Schlüsselwort.
Es geht um das Komponieren, das Zusammenstellen von Bildern.
Dazu braucht es vorbereitetes Bildmaterial.
Die einzelnen Fotos werden durch geeigneten Beschnitt brauchbar gemacht für eine Zusammenstellung in neuer Form.
Es gilt Bezüge wegzuschneiden, um neue Bezüge herstellen zu können.
Je weniger drauf ist, desto anschlussfähiger werden die Bilder. Kein Gedanke über Entstehungsort , -zeit, oder –zusammenhang darf behindern.
Wenn man die Bilder frei macht von vordergründigen Bedeutungen, sie freilegt, sie also nur noch reiner Bildimpuls sind, dann macht man sie frei für ihre visuelle Wirkung und das Spiel mit visuellen Logiken.
Die einzelnen Bilder fangen dann an untereinander zu sprechen.
Ich will ein paar Beispiele für diese entstehenden Brückenschläge geben:
- Beginnend mit der stärksten Farbigkeit im Tableau, der orangefarbenen Blüte kann man sich blickmäßig treiben lassen zu verwandten Farben (Farbwertgeleitet)
- oder der Blick sucht und findet thematisch nach weiteren Blüten (Themengeleitet)
- oder er spürt ähnlichen, z.B. runden Formen nach, gleich ob sie der Natur entnommen oder vom Menschen gemacht sind (Formgeleitet),
- oder er findet Bindungen über plastische oder räumliche Ähnlichkeiten
… ein endloses Spiel
Hier ist ein Netz kunstfertig gewoben, in dem der Blick in Bewegung bleibt, zu keinem Ende kommt, die Dinge so in der Schwebe bleiben, dass sich keine Entlastung durch Bedeutungsfindung einstellt. Der Betrachter ist auf eine fortwährende Reise geschickt, auf eine Passage – ein Querverweis auf den Titel dieser Ausstellung.
Damit erhält der Begriff Blick-Werk seine Bedeutung als kunstvoll und verheißungsvoll angerichtetes Arrangement, dessen Wesen als absichtsvoll konstruierte Uneindeutigkeit verstanden werden kann.
Man kann daher nicht sagen, der Gehalt dieser bestimmten Arbeit besteht hierin oder darin. Sie entzieht sich einer solchen Deutung. Bei dieser Reihe geht es - glaube ich - weniger um ein Erkennen, sondern um ein Erleben. Und dieses Erleben ist stark von der Person des Betrachters mitgeprägt. Ohne seine Aktivität und Dialogbereitschaft bleiben die Arbeiten stumm.
Was man aber sagen kann - dass die in dieser Reihe ausgebreitete Welt eine stille und sanfte ist, eine ausbalancierte, eine in der unterschiedliche Wesen mit unterschiedlicher Herkunft friedlich und harmonisch miteinander leben. In einer Welt wie unserer, die Ausgrenzung, Verletzung und Gewalt kennt, könnte dieser Befund doch ein künstlerisches Bekenntnis und eine Botschaft für uns sein.
Allerdings bleibt auch festzuhalten, dass Bilder vom Menschen in diesen Arbeiten vollkommen fehlen.
Peter Götz, Architekt und Künstler