einführung von peter götz zur ausstellung > b l i c k f r e i g a n g < im alten gefängnis, freising im rahmen der vernissage am 1o.12.2oo9
Meine Intention war, zu den ausgestellten Arbeiten hinzuführen und die Auseinandersetzung mit ihnen in Gang zu bringen. Ich wollte vor allem zeigen, wie die Künstlerin daran arbeitet, aus ihren Fotografien ‚Objekte‘ zu machen und wie ‚Mehrgliedrigkeit‘ ein zentrales Instrument darstellt bei Ihrem Bemühen, „Blick-Werke“ zu schaffen.
Vier Werkgruppen habe ich näher betrachtet: Störung, eisbänder, pendant’s und blüte-n.
Störung, 63 teilig
Die unerwartet „naturnahe“ Präsentation mit Bambusstäben als Traggerüst erinnert an die vormalige erste Hängung der Arbeit im Freien unter Bäumen.
Anlass war eine Gruppenausstellung von Künstlern, die mit ihrer Ausstellung gegen den Versuch, den Flughafen in Oberpfaffenhofen zu erweitern oder intensiver zu nutzen, Position bezogen haben und sich mit dem Phänomen der Störung auseinandersetzten.
Interessant ist, auf welche eigenständige Weise Sanne Blessing versucht hat, an das Thema heranzugehen.
Wenn man Kritiken zur Arbeit liest, findet man solche, die von der Naturhaftigkeit, den schönen Wasseroberflächen schwelgen und in der vermeintlichen Preisung des Schönen den Protest gegen den Einbruch des Technischen, gegen die Störung sehen.
Tatsächlich ist die Sache komplexer. Ich habe Sanne Blessing gefragt, was es angesichts der zahllosen Wasserblicke bei unterschiedlicher Witterung, unterschiedlicher Bewegtheit des Wassers und unterschiedlichen Einspiegelungen eigentlich mit dem Thema Störung auf sich hat.
Die Antwort war verblüffend einfach: Sie betrachtet die Wasseroberfläche als Spiegel und die Wasseroberfläche bedeutet eine Störung für das Bild, das sich im Wasser spiegelt bzw. umgekehrt für den Blick in die Tiefe oder auf den Grund.
Wenn uns bewusst wird, dass wir sowohl das Relief des Wassers sehen und damit den Wind als auch das, was wir nur vermittelt über die Spiegelung sehen, nämlich den Himmel, die Lichtstimmung, das Wetter, dann merkt man, wie komplex diese Bilder tatsächlich sind.
Die Hartnäckigkeit, mit der sie wie eine Jägerin an diesem Motiv bleibt, ist stärker als ein Bemühen um Befragung zu verstehen, denn als ein Ausbreiten von Antworten.
Die künstlerische Absicht liegt in der Wachrufung von Skepsis gegenüber dem, was wir sehen. Das vermeintlich Schöne ist dann richtiger eine Anfrage an unser Sehen und unser Verstehen.
Der Blick auf eine leere Bestuhlung, der sich in seiner seriellen Gestalt in den Rhythmus der Wellen unkompliziert einfügt, bildet ein widerspenstiges inhaltliches Einsprengsel, eine vorsätzliche Störung auf der Ebene des Motivs.
eisbänder, 1Teil, aus 7 oder 8 Bildfacetten montiert
Aufnahmen aus Streifzügen durch winterliche Landschaften sind zu einem neuen Gesamtbild montiert.
Sanne Blessing hat nicht einfach einzelne Eindrücke genommen und eins zu eins aufgehängt, sondern sie hat versucht, das Material noch einmal zu verdichten und zu einem Bild zu komponieren.
Betrachtet man das Ergebnis, scheint es, dass die montierten Komponenten miteinander etwas Neues ergeben: eine Mikrolandschaft, deren Reiz in der Ambivalenz liegt. Die neue Landschaft verschweigt nicht, dass sie von einem kleinen Maßstab her rührt, sie kann aber auch als bildnerische Übersetzung des Landschaftlichen überhaupt gelesen werden.
Im Detail handelt es sich um kleinste Bildausschnitte, oft Dinge, die man zwar kennt, aber die man wahrscheinlich in der Realumgebung übersehen würde. Sanne Blessing hat ein sehr geschärftes Auge für solche grafischen Besonderheiten oder überhaupt für Ereignisse in der kleinen Natur. Und aus der Nähe entstehen dann in diesen Aufnahmen Überraschungen. So genau hat man sich das eigentlich noch nie angesehen. Es entsteht eine Sensibilisierung für diese Formenwelt.
pendant´s, 2 teilig
Bei der Gruppe der pendant´s könnte man von einer exemplarischen Versuchsanordnung sprechen, bei der aus der Paarung zweier gleichwertiger Teile eine bipolare Struktur der Kommunikation aufgebaut wird. Sie kann als Urtyp jeder mehrperspektivischen Kompositionsstrategie aufgefasst werden.
Obwohl spielerisch gehängt, steckt hinter den Arbeiten ein strenges Konzept. Ein größeres nahsichtiges Bild wird mit einem kleineren fernsichtigen kontrastiert, das einen landschaftlichen Ausschnitt zeigt. Die gewählte Darstellungsgröße verhält sich dabei komplementär zur Größe des dargestellten Wirklichkeitsausschnitts.
Aufgrund der durch die Hängung suggerierten Verbindung wird dem Betrachter zugemutet, zwischen beiden Bildern eine Beziehung herzustellen oder zu suchen.
Auf ein Beispiel möchte ich näher eingehen (pendant 2).
Es beschäftigt mich weniger wegen der Landschaft und ihrem verhalten melancholischen Stimmungswert, –eine weiche, etwas neblige, atmosphärisch aufgeladene Landschaft in Tiefenschichtung, wie sie zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten anzutreffen ist, - sondern wegen des nahsichtigen Bilds, weil das so extrem plastisch ist und man so nah und frontal an ein Objekt herangeführt wird, ohne dass man es mit letzter Sicherheit bestimmen kann. Der gezeigte Gegenstand ist technischer Natur, aufgrund des engen, ja harten Beschnitts kann nur vermutet werden, dass es sich um eine Radnabe mit Nieten und Speichen handelt, die vielleicht von einem älteren landwirtschaftlichen Gerät stammt.
Man spürt in den Arbeiten ein Zeitmoment. Natur und Zeit gehen über die gezeigten Objekte hinweg. Man wird Zeuge, wie sich die Dinge verändern, wie der Zahn der Zeit in die kunstvolle Geordnetheit der technischen Welt einbricht, die Lackschichten aufbricht, wie das bräunliche sich mit dem grünlichen mischt – und dabei ein missverständlich harmonisches Bild ergibt. Vergänglichkeit ist ein Thema.
Und da gibt es noch etwas: Frappierend ist, dass man, obwohl man so nah und genau schauen kann, eigentlich weniger über das Ding erfährt, als dass man zurückverwiesen wird auf sich selbst. Indem ich den Ausschnitt betrachte, habe ich zwar eine Fülle ästhetischer Phänomene, die mein Auge und mein Sehen beschäftigten, und ich versuche herauszubekommen, was das eigentlich ist, was ich da sehe. Aber es ist nicht damit erledigt festzustellen: „das ist eine Radspeiche“. Die Ausschnitte sind so zugespitzt und zugeschnitten, dass nicht die Benennung des Gegenstands bereits das Ende der Auseinandersetzung ist. Es verhält sich umgekehrt: Der Beschnitt befreit von einer dinglichen Gegenständlichkeit und eröffnet eine malerische und grafische Breite, mit einem über den Anlass hinaus gehenden Stimmungswert, dass ein intensiver Prozess anhebt, der zu keinem spezifischen Ende kommt. Es sind also Bilder, mit denen man auch deshalb leben kann, weil sie einem immer wieder neu und anders zu beschäftigen vermögen.
Bei aller Frontalität bleibt eine Unbestimmtheit. Wir werden einer Nähe ausgesetzt, in der man sich verlieren kann.
Interessant ist, dass in der Nahsichtigkeit so etwas wie Luft fehlt. Der Blick ist unverstellt frontal und trotz der Nähe ziehen sich die Dinge in sich zurück. Das gleiche gilt für die ausgebreitete Landschaft, sie scheint sich zu entziehen – ins Ferne.
Hier ist der Punkt, wo wir schließlich wieder bei uns selbst anlangen.
blüte-n, 81 teilig
Abschließend möchte ich Arbeiten betrachten, bei denen das Verhältnis von Einzelbild zu Gesamtbild eine andere, aber ebenfalls bestimmende Rolle spielt.
Dadurch, dass alle Teilbilder vom Motiv her verwandt sind, ja, sich aus einer einzigen Bildquelle speisen und damit die Eigenständigkeit und Bedeutung des einzelnen Bilds geringer ist, versucht unser Sehen, alle Teile zusammen als Ganzes zu verstehen und interpretiert das Objekt als ein Bild.
Jede der drei Arbeiten fußt auf einer Mutteraufnahme, dem farbigen Foto einer Blüte, die in minimal lageverschobenen Ausschnitten variiert, bei gleicher Formatgröße so nebeneinander angeordnet werden, dass eine zentrierende Abbildung, bei der das abgebildete Objekt mittig sitzt, von einem Kranz von Varianten dergestalt umgeben wird, dass Ausschnitt und Lage korrespondieren. Der nach oben verschobene Ausschnitt liegt überhalb, der nach links versetzte links, der nach rechts verschobene rechts, usw.
Die Art, wie dieses Prinzip räumlich umgesetzt ist, dass die Einzelbilder auf Stempeln stehen und dass sie dem Betrachter unterschiedlich weit entgegen kommen, verstärkt das Gefühl, dass man das ganze Objekt als Versammlung einer Gruppe, als ein Bild lesen kann, das sich aus der Ferne schließt, in das man aus der Nähe aber wie in einen Blütenstand hineinzuschauen meint. Die Wahrnehmung flirrt.
Die Arbeit changiert zwischen Bild und plastischem Objekt.
Den pendant´s auf der gegenüberliegenden Wand nicht unähnlich bringt diese Arbeit unsere Wahrnehmung in Unruhe bzw. Vibration. Da ist nicht die Befriedigung am Schluss, etwas klar gesehen oder erkannt zu haben. Wenn Sie zuhause erzählen, was Sie gesehen haben, werden Sie zwar wohl den Aufbau der Anordnung beschreiben können, – also, dass eine Stahlplatte als Träger fungiert, in den Aufnahmevorrichtungen eingenietet sind, in die wiederum Stempel mit Bildträgern eingeschraubt sind –, aber das Ergebnis der Bemühung dieser Vorrichtung – die Wirkung – werden Sie nur schwer vermitteln oder beschreiben können.
Mir kommt es so vor, als seien visuelle Erfahrungen unserer unmittelbaren Gegenwart in die Arbeit eingeflossen. Ich denke an die digitale Bildbearbeitungs- und Präsentationssoftwaren mit ihrer flexiblen Möglichkeit zur Bildausschnittbestimmung oder an die interaktive Betrachtung dreidimensionaler virtueller Objekte mit der Möglichkeit zum filmähnlich lückenlos kontinuierlichen standpunktverändernden Umkreisen.